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Vollfett-Milchprodukte unter der Lupe: Neue Studie stellt eine jahrzehntelange Ernährungsempfehlung infrage

health2026-08-19 · 3 min read · 340 reads

Eine Studie der University of Toronto kommt zu einem überraschenden Ergebnis. Drei tägliche Portionen Vollfett-Milchprodukte führten bei übergewichtigen Erwachsenen über zwölf Wochen nicht zu mehr Gewicht, Körperfett oder höheren Cholesterinwerten. Doch die Untersuchung hat auch klare Grenzen.

Über Jahrzehnte lautete der Rat vieler Ernährungsberater eindeutig, bei Milchprodukten lieber zur fettreduzierten Variante zu greifen. Eine neue Studie der University of Toronto, veröffentlicht im Fachjournal The Journal of Nutrition, stellt diese Empfehlung nun infrage. Drei tägliche Portionen Vollfett-Milchprodukte führten demnach über zwölf Wochen nicht zu mehr Gewicht, Körperfett oder höheren Cholesterinwerten.

Für die Untersuchung begleiteten die Forscher 74 Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas über einen Zeitraum von zwölf Wochen. Die Teilnehmer wurden in drei Gruppen eingeteilt, eine mit wenig Milchprodukten und kalorienreduziert, eine mit ausgeglichener Energiebilanz und drei Portionen täglich, sowie eine ohne Kalorienbeschränkung mit ebenfalls drei Portionen. Alle folgten den kanadischen Ernährungsrichtlinien.

Das zentrale Ergebnis überraschte das Team. Zwischen der Gruppe mit wenig Milchprodukten und jenen mit drei täglichen Portionen zeigten sich keine bedeutsamen Unterschiede bei der Gewichtszunahme, der Körperzusammensetzung oder den Cholesterinwerten. Die Sorge, dass reichlich Vollfett-Milch automatisch zu mehr Pfunden oder schlechteren Blutfettwerten führt, bestätigte sich in diesem Rahmen also nicht.

Was die Forscher fanden

Studienleiter ist Harvey Anderson, Professor an der Temerty Faculty of Medicine und der Abteilung für Ernährungswissenschaften der University of Toronto. Er fasste das Ergebnis so zusammen, dass jene Teilnehmer, die drei Portionen Milchprodukte zu sich nahmen, keine ungünstigen Cholesterin- oder Blutfettwerte und auch keine Anzeichen einer Insulinresistenz aufwiesen.

Darüber hinaus beobachteten die Forscher sogar einige positive Effekte. Die Gruppe mit dem höheren Milchkonsum wies Verbesserungen beim Blutdruck auf und nahm mehr Kalzium, Eiweiß und Vitamin D zu sich. Diese Nährstoffe spielen unter anderem für Knochen und Muskeln eine wichtige Rolle und sind in der Ernährung vieler Menschen nicht ausreichend vorhanden.

Damit reiht sich die Arbeit in eine wachsende Zahl von Untersuchungen ein, die das lange gültige Bild vom fettreichen Milchprodukt als Gesundheitsrisiko hinterfragen. Jahrzehntelang gingen Leitlinien davon aus, dass die gesättigten Fette in Vollmilch den Cholesterinspiegel und damit das Herzrisiko in die Höhe treiben. Neuere Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild.

Warum Vorsicht geboten ist

So bemerkenswert die Ergebnisse sind, so wichtig ist ein nüchterner Blick auf die Grenzen der Studie. Mit nur 74 Teilnehmern und einer Dauer von zwölf Wochen handelt es sich um eine vergleichsweise kleine und kurze Untersuchung. Zudem waren ausschließlich übergewichtige oder adipöse Erwachsene beteiligt, weshalb sich die Resultate nicht ohne Weiteres auf alle Menschen übertragen lassen.

Besonders relevant ist die Frage der Finanzierung. Die Studie wurde unter anderem durch das Programm Dairy Research Cluster 3 im Rahmen der kanadischen AgriScience-Initiative sowie durch das Mitacs-Accelerate-Programm unterstützt. Eine Beteiligung der Milchbranche macht die Ergebnisse nicht automatisch falsch, ist aber ein Grund, sie mit Bedacht einzuordnen und unabhängige Wiederholungen abzuwarten.

Ebenso wichtig ist, was die Studie nicht aussagt. Sie liefert keinen Freibrief für unbegrenzten Milchkonsum und belegt auch nicht, dass Vollfett-Produkte grundsätzlich besser sind als fettarme. Sie deutet vielmehr darauf hin, dass moderate Mengen, hier drei Portionen, im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung ohne die befürchteten Nachteile Platz finden können.

Was das für den Alltag bedeutet

Milch, Käse und Joghurt liefern wichtige Nährstoffe wie Kalzium, Eiweiß und Vitamin D. (Symbolbild)
Milch, Käse und Joghurt liefern wichtige Nährstoffe wie Kalzium, Eiweiß und Vitamin D. (Symbolbild)

Für viele Verbraucher, die von widersprüchlichen Ratschlägen zu Milchprodukten verunsichert sind, lautet die eigentliche Botschaft, dass Differenzierung angebracht ist. Der Fettgehalt eines Milchprodukts könnte weniger entscheidend sein als lange angenommen, und Lebensmittel wie Joghurt, Milch und Käse können in maßvollen Mengen wertvolle Nährstoffe zu einer gesunden Ernährung beitragen.

Der Fall fügt sich in einen größeren Wandel der Ernährungswissenschaft ein. Statt einzelne Nährstoffe wie Fett pauschal zum Übeltäter zu erklären, rückt zunehmend das gesamte Ernährungsmuster in den Fokus. Ob ein Lebensmittel gesund ist, hängt demnach stark davon ab, in welchem Kontext und in welcher Menge es verzehrt wird.

Für eine endgültige Neubewertung sind größere, längere und unabhängig finanzierte Studien nötig. Bis dahin empfehlen offizielle Leitlinien weiterhin vor allem Maß und Ausgewogenheit. Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen oder erhöhten Blutfettwerten sollten Änderungen ihrer Ernährung ohnehin nicht auf eigene Faust vornehmen, sondern mit Arzt oder Ernährungsfachkraft besprechen.

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