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70 Millionen Akten, kaum Nutzer: Warum die elektronische Patientenakte 2026 an ihrem Anspruch scheitert

health2026-08-17 · 4 min read · 2 reads

Fast jeder gesetzlich Versicherte in Deutschland hat inzwischen eine elektronische Patientenakte, doch nur ein Bruchteil nutzt sie aktiv. Während 2026 neue Funktionen wie der Medikationsplan starten, bleibt die zentrale Frage offen: Wie wird aus einem Pflichtprodukt ein echter Nutzen?

Es ist eines der grössten Digitalprojekte im deutschen Gesundheitswesen, und doch führt es ein seltsam stilles Dasein. Fast jeder gesetzlich Versicherte in Deutschland besitzt inzwischen eine elektronische Patientenakte, kurz ePA, aber nur ein winziger Bruchteil öffnet sie überhaupt. Zwischen dem gewaltigen Anspruch der Reform und der gelebten Wirklichkeit klafft eine tiefe Lücke. Und gerade jetzt, während 2026 wichtige neue Funktionen an den Start gehen, entscheidet sich, ob dieses Projekt doch noch gelingt.

Millionen Akten, kaum Nutzer

Zunächst zu den Dimensionen, denn sie sind beeindruckend. Anfang 2025 legten die Krankenkassen automatisch eine ePA für alle Versicherten an, die nicht widersprachen, was rund 70 der mehr als 75 Millionen Versicherten betraf. Damit war über Nacht die technische Grundlage für eine flächendeckende digitale Gesundheitsversorgung geschaffen. Auf dem Papier ist Deutschland damit einen historischen Schritt gegangen.

Die Nutzungszahlen erzählen jedoch eine ganz andere Geschichte. Laut einer Umfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland vom Januar 2026 nutzen nur 3,6 Prozent der Versicherten ihre Akte im Verhältnis zu den angelegten Konten aktiv. Die Erhebung umfasste mehrere grosse Kassen, die zusammen mehr als die Hälfte aller Versicherten abdecken, darunter die Techniker Krankenkasse, die Barmer und elf Allgemeine Ortskrankenkassen. Die Diskrepanz zwischen Verfügbarkeit und Verwendung könnte kaum grösser sein.

Ein Blick auf die einzelnen Kassen macht das Bild konkret. Bei der Techniker Krankenkasse, der grössten Krankenkasse des Landes, werden etwa 850.000 von rund 11,5 Millionen Konten aktiv genutzt, immerhin 100.000 mehr als im Juli 2025. Die Barmer meldet rund acht Millionen angelegte Akten, aber nur etwa 440.000 aktive Nutzer, ein Zuwachs von ungefähr 190.000 Personen. Die Zahlen wachsen also, doch sie bleiben weit hinter den Erwartungen zurück.

Zwischen dem gewaltigen Anspruch der Reform und der gelebten Wirklichkeit klafft eine tiefe Lücke.

Was die ePA 2026 leisten soll

Dabei wird die Akte gerade in diesem Jahr deutlich leistungsfähiger. Im Sommer 2026 kommt der elektronische Medikationsplan hinzu, der in ausgewählten Regionen ab Juli getestet wird, bevor die bundesweite Einführung für Dezember geplant ist. Künftig sollen verordnete Medikamente, Allergien und Unverträglichkeiten übersichtlich einsehbar sein. Gerade bei der Arzneimittelsicherheit könnte das Leben retten, indem gefährliche Wechselwirkungen frühzeitig erkannt werden.

Auch beim Datenschutz und der Transparenz tut sich einiges. Für die Versicherten gibt es einen verborgenen Ordner, in den sämtliche Abrechnungsdaten einfliessen, sodass nachvollziehbar wird, welche Leistungen abgerechnet wurden. Ab Oktober 2026 sollen zudem jene Daten, die Versicherte freiwillig aus ihrer ePA bereitstellen, über das Forschungsdatenzentrum für die medizinische Forschung nutzbar gemacht werden. Damit wird die Akte nicht nur zum persönlichen Archiv, sondern potenziell auch zu einem Motor für den medizinischen Fortschritt.

Parallel dazu setzt der Gesetzgeber auf konkrete Präventionsangebote. Seit April 2026 übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung bei starken Rauchern die Kosten für eine jährliche Früherkennungsuntersuchung auf Lungenkrebs. Solche Massnahmen zeigen, dass die Digitalisierung Teil einer breiteren Strategie ist, die auf frühzeitige Diagnosen und Vorsorge setzt. Die ePA soll in diesem Gefüge zur zentralen Drehscheibe aller Gesundheitsinformationen werden.

Warum das Potenzial brachliegt

In der Arztpraxis soll die ePA doppelte Untersuchungen vermeiden und die Behandlung sicherer machen. Noch bleibt sie im Alltag oft ungenutzt.
In der Arztpraxis soll die ePA doppelte Untersuchungen vermeiden und die Behandlung sicherer machen. Noch bleibt sie im Alltag oft ungenutzt.

Trotz dieser Fülle an Funktionen bleibt die entscheidende Frage, warum so wenige Menschen mitmachen. Der Verbraucherzentrale Bundesverband bringt es auf den Punkt und spricht von viel Potenzial, aber bislang wenig Nutzen. Viele Versicherte wissen schlicht nicht genau, was die Akte kann oder wie sie funktioniert. Andere schrecken vor der technischen Einrichtung zurück oder haben Bedenken, sensible Gesundheitsdaten digital zu speichern.

Das Vertrauen ist dabei ein zentraler Faktor. Gesundheitsdaten gehören zu den intimsten Informationen überhaupt, und die Sorge vor Missbrauch oder Datenlecks sitzt bei vielen tief. Das Widerspruchsprinzip, bei dem die Akte automatisch angelegt wird, sofern niemand aktiv ablehnt, hat zwar für hohe Verbreitung gesorgt, aber nicht automatisch für Akzeptanz. Eine Akte zu besitzen bedeutet eben nicht, ihr auch zu vertrauen und sie zu nutzen.

Auch die Praxen spielen eine Schlüsselrolle, und dort ist das Bild differenzierter. Umfragen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung deuten darauf hin, dass viele Praxen die ePA durchaus aktiv einsetzen, die technische Umsetzung aber weiter verbessert werden muss. Wenn Ärztinnen und Ärzte im Alltag reibungslos auf die Akte zugreifen und sie befüllen können, steigt auch für die Patienten der spürbare Nutzen. Erst wenn beide Seiten mitziehen, entfaltet das System seine Wirkung.

Der eigentliche Mehrwert der ePA liegt genau in dieser Vernetzung. Sie soll doppelte Untersuchungen vermeiden, Befunde zwischen Fachärzten verfügbar machen und im Notfall lebenswichtige Informationen bereitstellen. Damit liesse sich nicht nur Geld sparen, sondern auch die Qualität und Sicherheit der Behandlung verbessern. Das Versprechen ist gross, doch es bleibt an die Bedingung geknüpft, dass die Menschen die Akte tatsächlich in die Hand nehmen.

Das Jahr 2026 wird deshalb zur Bewährungsprobe für die elektronische Patientenakte. Die Technik steht, die Funktionen wachsen, und die politische Weichenstellung ist erfolgt, doch der Erfolg entscheidet sich beim einzelnen Versicherten. Ohne verständliche Aufklärung, einfache Bedienung und echtes Vertrauen droht ein Milliardenprojekt zum digitalen Aktenschrank zu werden, den niemand öffnet. Die Zukunft der ePA hängt weniger von der Technik ab als von den Menschen, die sie nutzen sollen.

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2026-08-17 · 4 min read · 2 reads
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